BARRIO ANTIFASCISTA – Carlo Giuliani Park – 2015

Magenta verschlief den ganzen nächsten Morgen, und als sie aufwachte, drehten sich die Gedanken immer noch endlos in ihrem Schädel und ließen sie nicht mehr los. Sie frühstückte nichts ausser Kaffee, drückte sich die Kopfhörer in die Ohren und verließ das Haus mit selbstzerstörerischem Dezibel Geknüppel auf den Trommelfellen, um ziellos durch die Stadt zu laufen. Sie wählte Cyans Nummer, aber nur der Anrufbeantworter klickte sich ein: „Hey Cyan, mir geht’s beschissen, ich brauch heute jemanden zum Reden, und….“ „Hey Magenta, bist du das?“ Cyan hatte den Hörer abgenommen, wie immer unter Strom, redete gegen ihre Aussichtslosigkeit an, machte blöde Witze um sie aufzuheitern und zog ihr sogenanntes Notprogramm auf: „Alles klar, ich komm vorbei!“

Als Cyan dann vor ihrer Tür stand, einen riesigen Hut mit breiter Krempe und Schleier auf dem Kopf, das dazugehörige regenbogenfarbene Kleid spannte ein Jahrhunderte altes Zelt über den Boden. „Tränen im Regen sind Verschwendung!“ hatte sie zur Begrüssung gesagt, „Wir müssen heute die Regierung stürzen!“ Dann hatte sie ihr ein ein ähnliches Kleid samt Hut übergestülpt, und sie hinter sich her gezogen. Unterwegs erklärte sie ihr, das es nicht immer nur darum gehen kann, abzuwarten bis der Zustand eintritt, auf den alle warten, dieser Moment an dem alle Fragezeichen ausgeräumt sind. „Das Warten wird dich immer lähmen, weil dir die Unsicherheit die Kraft zum Handeln raubt. Dein Leben bleibt ein Stück Blei, solange sich das nicht ändert…“

„Und wie, meine Königin?“ hatte Magenta zynisch gefragt… Dann hatte sie Cyan in ein Café namens Kranzler Eck am Kurfürstendamm geschleppt, das angefüllt war vom Tuscheln geschwätziger Rentner_innen und dem hundertfachen Klappern benutzter Kaffeetassen. Magenta wurde an einen Tisch gesetzt bevor Cyan auf den selbigen gestiegen war und quer durch die Kaffeekränzchen geschrien hatte: „Meine Damen und Herren, können sie bitte für einen Augenblick ruhig sein und aufhören zu sprechen!“ Augenblicklich waren sämtliche Gespräche verstummt und es wurde mucksmäuschenstill. Alle hatten auf Cyan in ihrem grellen Kleid gestarrt, wie auf ein Krebsgeschwür, einen mutierten Fremdkörper mitten in ihrer Gesellschaft, eine Anmaßung in der öffentlichen Ordnung.

Alle hatten erwartet, das sie nun etwas sagen würde, unruhig raschelten die verknitterten Füsse unter den Tischen und das glänzende Geschirr klimperte nervös… die Stille in der unerfüllten Erwartungshaltung baute sich auf wie ein riesiger Heissluftballon, der bedrohlich grösser und grösser wurde. Auch Magenta hatte diesen Moment in unangenehmer Erinnerung, war auf ihrem Stuhl hin und her gerutscht und sich nichts sehnlicher gewünscht, als dass diese undefinierte Stille endlich vorbei sein sollte. Dann, nach einer zweistündigen Minute, war Cyan mit einem „Vielen Dank!“ wieder vom Tisch gestiegen, und hatte Magenta hinter sich her zum Ausgang gezogen. „Na!?“ hatte sie Magenta erwartungsvoll angesehen, „Hast du gespürt wie laut das Nichts in den Ohren schreit?“ – und Magenta hatte ihr einen Kuss dafür gegeben.

Barrio Antifascista 2015 -
Reclaim your park
Ein Labor der aufständischen Phantasie
Ein Ort der wunderschönen Wut

Du bist Deine eigene Bühne
Du bist Deine eigene Revolution
Du bist Deine eigene Intervention
Du bist Deine eigene Farbe

Dieses Jahr:
kein
Spektakel
kein
Konsum
keine
Bar
keine
Bühne

Reclaim your park!

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Barrio Antifascista 2015 -
Reclaim your park
A place for beautiful trouble,
A laboratory for insurrectionary imagination

You are your own stage
You are your own revolution
You are your own intervention
You are your own colour

This year:
No
spectacle
No
consumism
No
Bar
No
stage

Reclaim your park!

Barrio Antifascista Plakat berlin kreuzberg 1. Mai 2015